Ein Rückblick voller Stolz
Vor der wichtigsten Unterschrift seines Lebens hatte Lothar de Maizière einen Plan gefasst, der streng genommen nicht ganz legal war. „Den Kugelschreiber, mit dem ich den Zwei-plus-Vier-Vertrag unterzeichne, nehme ich mit nach Hause“, sagte sich der erste frei gewählte Ministerpräsident der DDR damals, an jenem 12. September 1990, als er in Moskau in seinem Hotelzimmer saß und später den mit den vier Besatzungsmächten ausgehandelten Vertrag über die Unabhängigkeit Deutschlands unterzeichnete. Doch damals, als die Mauer fiel, die DDR abgewickelt werden musste und der Einheitsvertrag mit der Bundesrepublik und den Besatzungsmächten ausgehandelt werden musste, war der Diebstahl eines Kugelschreibers wohl das geringste Problem. 25 Jahre nach der „aufregendsten und spannendsten Zeit in meinem Leben“ saß Lothar de Maizière am Dienstagabend im Bürgerhaus in Diepensee und plauderte aus dem Nähkästchen. „Zwischen Kohl und mir ist nicht gerade eine Männerfreundschaft entstanden“, sagt de Maizière, der Cousin des amtierenden Bundesinnenministers Thomas de Maizière über sein Verhältnis zum Bundeskanzler. „Seine Frau sagte zu mir, ,Wissen sie, mein Mann ist nicht so einfach’“, erzählt de Maizière, der auf Einladung des CDU-Ortsverbandes nach Diepensee kam. Lustige Anedkdoten und ein stolzer Rückblick Vor allem bei dem brisanten Thema des Währungsumtauschs seien Kohl und er nicht einer Meinung gewesen. „Da sagte dann seine Frau, dass sie mal mit ihm redet.“ Wenige Tage später erhielten ältere DDR-Bürger mehr Geld beim Umtausch als ursprünglich abgemacht. De Maizière setzte sich durch. Das war nicht immer so: „Sonst war neben Kohl kein Platz“, sagt der Jurist. „Sowohl auf dem Foto als auch in der Politik.“ Lustige Anekdoten reihten sich am Dienstagabend aneinander. De Maizière teilte aus und blickte auch zugleich stolz auf das zurück, was er damals geleistet hat. Nach dem Mauerfall und der bevorstehenden Einheit hatte de Maizière den undankbarsten Job inne, den es in der deutschen Politik wohl jemals gab. Er musste den Staat abwickeln und auch irgendwie an seinem eigenen Stuhl sägen, sein Amt mehr oder weniger selbst abschaffen und einen geregelten Übergang zur deutschen Einheit finden. Und alles so schnell wie möglich. Vom 18.März 1990, dem Tag der ersten freien Wahl in der DDR, bis zum 3.Oktober arbeitete de Maizière im Akkord. „Ich habe 70 Gesetze unterschrieben“, erinnert er sich. Potential von Angela Merkel schnell erkannt Als er in Erinnerungen schwelgt, kommt er wieder zu jenem Septembertag 1990 in Moskau zurück. „Damals sagte ich zu meiner Assistentin: ,Du sprichst russisch, geh mal auf die Straße und hör dir an, was die Russen zur Einheit sagen’“, berichtet de Maizière. Der Name jener Assistentin: Angela Merkel. „Ihr Potential habe ich recht schnell erkannt und sie auch dem Bundeskanzler als Ministerin vorgeschlagen“, erinnert sich der Ministerpräsident a. D. und kommt zum Kugelschreiber zurück. Den hat er nach der Unterzeichnung abgegeben – an ein Museum in Berlin. Von Marcel Jarjour/MAZ
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