Sommerfest im Rankenheim
Der Junge zieht auf dem Fahrrad seine Runden durch das Gelände. „Umziehen“, ermahnt ihn die hübsche Marketenderin, die sonst hier die stellvertretende Leiterin des Kinder- und Jugenddorfes ist. „Kein Bock!“, ruft ihr der Junge vorbeisausend zu. Kein Bock – das ist genau das Problem, das diese Jugendlichen haben. Sie haben jahrelang einen Stempel mit sich herumgetragen: Schulverweigerer, war da zu lesen. Deswegen wohnen sie jetzt im Kinder- und Jugenddorf Rankenheim. Hier sollen sie wieder Bock auf das Leben bekommen – und auch auf Schule, damit sie später ihr Leben meistern können. Rankenheim und die Groß Köriser Schule arbeiten mit den Mädchen und Jungen eng zusammen, um diese wieder in normale Klassen zu integrieren. Bis zur 10. Klasse soll das erreicht sein. Ziel ist auch, einen Hauptschulabschluss zu schaffen. Sieben Mädchen und Jungen aus dem Rankenheim haben das in diesem Jahr erreicht. Diesen Erfolg haben sie zuallererst sich selbst zuzuschreiben, aber auch dem Bemühen eines ganzen Teams von Pädagogen, Psychologen, Sozialarbeitern, Erziehern – und Künstlern! Einmal im Jahr kommen Thea Moritz und Peter Bause von der Kunstschule Potsdam und schaffen mit den Jugendlichen Kunst. In diesem Jahr hieß das Thema Mittelalter. An nur vier Tagen haben es die Schüler der 7. bis 9. Klasse geschafft, sich mit dieser Zeitepoche auseinanderzusetzen, Entwürfe zu zeichnen und schließlich zu Papier, Filz, Draht, Stoffen, Folien zu greifen. Entstanden sind Kostüme, die sich sehen lassen können. Gestern wurden sie vor Zuschauern im Rankenheim vorgeführt. „Ich bin total überrascht“, bekennt der Groß Köriser Schulleiter Hans-Joachim Reiner. Die Jugendlichen strahlen. Michelle steht in ihrem grünen Kleid mit dem extravaganten Hut einer mittelalterlichen Dame mitten auf der Wiese und lässt sich bestaunen. Die Blicke scheinen dem Mädchen, das sonst am liebsten gar nicht da sein würde, in diesem Augenblick nichts auszumachen. Sie ist stolz auf das, was sie geleistet hat. Den anderen Mädchen und Jungen aus der Gruppe um Cathrin Zahavi geht es genauso. Sie haben Ritterkostüme an, sind König Barbarossa oder ein Sensenmann wie Rayk. Die Zuschauer gruseln sich vor seiner Totenkopfmaske und der riesigen Sense, die keinen zu verschonen droht. Rayk lacht. Der Junge hat die Vorführung gefilmt und wird sie am nächsten Wochenende seiner Mutter zeigen, wenn er sie besucht. „Da freu ich mich schon drauf“, gesteht er. Saskia Lupberger ist kaum älter als die Jugendlichen, absolviert gerade ein freiwilliges Kulturjahr an der Kunstschule Potsdam. „Die Arbeit hier war toll“, sagt sie ohne Umschweife. Weil die Kostüme so klasse sind, sollen sie im Herbst in Potsdam im Haus der Brandenburg-Preußischen Geschichte gezeigt werden. (Von Andrea Müller/MAZ)
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