Konferenz zur Zukunft des ländl. Raumes
„Es gibt nur eines, was teurer ist als gute Bildung – nämlich keine Bildung.“ Damit brachte der pensionierte Schulrat Werner Weiss die Diskussionsveranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung über die Zukunft von Schule im ländlichen Raum auf den Punkt. Noch eines wurde im Lübbener Wappensaal am Donnerstagabend überdeutlich: Die nächste Schulschließung kommt bestimmt. Dabei ist jede noch so kleine Grundschule ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor im Dorf, machten Referenten und Podiumsgäste durch die Bank deutlich. Roland Gefreiter, Bürgermeister von Schönwalde, saß im Publikum und erzählte ein einprägsames Beispiel: „Wenn neue Einwohner in unser Dorf ziehen, besuche ich sie nach einiger Zeit und frage, warum sie hergekommen sind und was ihnen bei uns gefällt. Häufig bekomme ich die Antwort, dass wir eine schöne Schule haben und eine tolle Kita. Wir hätten sicher 20 Prozent weniger Einwohner in Schönwalde. Mit der Schule lebt das Dorf – Bäcker, Fleischer, alle profitieren.“ „Die Grundschule hat existenzielle Bedeutung im ländlichen Raum“, bestätigte Kommunalwissenschaftler Dr. Günter Dill. „Wenn in der Dorfschule das Licht ausgeht, zieht das den Verlust weiterer Strukturen nach sich, schwächt den Zusammenhalt und das Vereinsleben, damit auch die Attraktivität der Gemeinde als Wohnort.“ Ein Mangel an Bildungsangeboten sei ein Motiv, die Region zu verlassen. Dass es in dieser Hinsicht besonders für die berlinfernen Regionen alles andere als rosig aussieht, machte Björn Lakenmacher deutlich. In der so genannten „Schrumpfrangliste“ stünden die Prignitz, die Uckermark, aber auch Landkreise wie Elbe-Elster und Spree-Neiße ganz oben. In ganz Brandenburg werden Lakenmacher zufolge in 20 Jahren 300 000 Menschen weniger leben als jetzt. Ab dann werde sich der demografische Wandel nochmals dynamisieren mit einem Verlust von 20 600 Personen jedes Jahr – mehr, als die Stadt Lübben Einwohner hat. „Wir wollen den ländlichen Raum aber nicht dem Wolf preisgeben“, formulierte der CDU-Landtagsabgeordnete. Noch vier bis fünf Jahre, so die Einschätzung des Sprechers in der CDU-Landtagsfraktion für ländlichen Raum und Demografie, seien die jetzigen Schulstandorte „relativ gesichert. Doch dann werden wir schon wieder sinkende Schülerzahlen haben“. Lakenmachers Kernfragen: „Wie kann der ,Standortnachteil\' ländliche Region zu einem Vorteil werden? Und wie kann Brandenburg in der bundesweiten Konkurrenz um Lehrer bestehen?“ Zur Lehrer-Frage hatte Werner Weiss eine sehr klare Antwort. „Bayern macht es vor. Dort werden 120 Prozent des Lehrerbedarfs ausgebildet, weil sie zum Schluss nicht jeden nehmen wollen. Auch wir müssen erstmal selber genügend Lehrer ausbilden.“ – „Und die richtigen“, fügte Gordon Hoffmann an. „Wir brauchen ganz wenig Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte – aber dieser Studiengang ist an der Uni Potsdam am stärksten belegt“, so der bildungspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion. Gleichzeitig führte er aber aus, dass es darauf wenig Einwirkungsmöglichkeiten vom Land aus gebe. Grundsätzlich, so Lakenmacher, „steuern wir auf einen dramatischen Lehrermangel zu, weil junge Lehrer die märkischen Provinzen meiden“. Carsten Saß (CDU), Bildungsdezernent des Landkreises, verdeutlichte unterdessen nochmals die Lage bei den Schülerzahlen. „Wenn wir im Grundschulbereich die Zahl von 1991 als 100 Prozent nehmen, dann stehen wir jetzt bei 60 Prozent davon, im Norden des Kreises bei etwa 75, im Süden bei um die 40 Prozent. Der Druck ist im Süden ein ganz anderer als im Norden als Zuzugsgebiet.“ Der Landkreis könne zwar einen Zuwanderungsgewinn verzeichnen, „aber uns drücken die Sterberate und zu wenig Geburten“. Spätestens ab 2018 werden aus seiner Sicht „Fragen nach Internaten, zumindest bei weiterführenden Schulen, zu stellen sein.“ Bildungspolitisch gesehen „sollte die Qualität für den einzelnen Schüler der Maßstab sein“. Dass es bei aller Statistik in den einzelnen berlinferneren Kommunen sehr unterschiedlich aussehen kann, machte wiederum Werner Weiss deutlich. Die Ämter Unterspreewald und Golßener Land beispielsweise hätten im Saldo nur wenige Hundert Einwohner verloren. „Gleiche Verhältnisse“, leitete er ab, „sind sowieso Utopie. Aber ein gleichwertiges Angebot für Schüler muss drin sein.“ Freie Schulen spielten in der Diskussion auch eine Rolle – nicht nur, weil Christoph von Platen als Leiter mehrerer Privatschulen im Norden des Landkreises darauf hinwies. Schon gleich zu Beginn hatte Björn Lakenmacher darauf hingewiesen, dass erst am Mittwoch 37 600 Unterschriften gegen Kürzungen an freien Schulen im Landtag übergeben worden waren. Gordon Hoffmann kommentierte: „Die Landesregierung hat Angst vor freien Schulen.“ Er bezog sich auf denn den ehemaligen Bildungsminister Holger Rupprecht (SPD), der gesagt haben soll, die freien Schulen seien so gut geworden, dass man ihnen den Hahn abdrehen müsse. „Für mich ist es nicht der richtige Weg, die Konkurrenz auszuschalten“, so Hoffmann. „Wir müssen stattdessen die öffentlichen Schulen so gut machen, dass sie konkurrenzfähig sind.“ Die Zahl der Schulen in freier Trägerschaft habe in den vergangenen 15 Jahren um 252 Prozent zugenommen, fügte Kommunalwissenschaftler Günter Dill an. In Westdeutschland seien es nur 40 Prozent. Während bei der Diskussion viele brennende Schulthemen gestreift wurden – darunter auch die Überalterung und chronische Überbelastung von Lehrern, Finanzierungsfragen, lange Wege und die Breite des Angebots an Schulfächern – blieben konkrete Lösungsvorschläge zumeist aus. In einem waren sich die Podiumsgäste der CDU-nahen Adenauer-Stiftung aber einig: Der Weg in Richtung Einheitsschulen, für den vor allem Werner Weiss die Weichen von der SPD gestellt sah, sei falsch. Von Ingvil Schirling/LR
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