„So wird man das nicht eindämmen“

Brandenburger sind dagegen, von Eltern junger Komatrinker 100 Euro zu kassieren

15.02.2013, 10:16 Uhr | MAZ/ Volkmar Krause

Auch Brandenburg hat mit jugendlichen Komatrinkern massive Probleme. Der Vorschlag des Gesundheitsexperten der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Jens Spahn, die Eltern behandlungsbedürftiger Jungsäufer künftig an den Krankenhauskosten zu beteiligen, stößt dennoch auf Widerstand. Selbst die märkische CDU zieht da nicht mit. Spahn will den Eltern Betroffener pauschal 100 Euro abknöpfen. Das Geld soll direkt an die jeweilige Krankenkasse fließen.

„So wird man die Trinkerei Jugendlicher nicht eindämmen, zumal wir beim Alkohol über eine legale Droge sprechen“, sagt der innenpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Björn Lakenmacher. Er plädierte dafür, statt dessen das in einigen Kommunen geltende Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen auszuweiten. In 32 Städten und Gemeinden des Landes gilt ein solches Verbot bereits. Aus Sicht von Bürgermeistern hat es sich bewährt. Lakenmacher regte zudem an, ein abendliches Verkaufsverbot für Alkohol an Tankstellen zu verhängen. Viele Jugendliche deckten sich „an der Tanke“ vor dem Disco-Besuch mit Hochprozentigem zum sogenannten „Vorglühen“ ein.

264 Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren wurden 2011 laut Potsdamer Gesundheitsministerium mit einer akuten Alkoholvergiftung in Krankenhäuser eingeliefert. 2010 waren es 268. Die Techniker Krankenkasse (TK) vermeldet höhere Zahlen. Danach waren es 2011 in dieser Altersgruppe sogar 389 Komatrinker und unter 15 Jahren immerhin 101. Zahlen für 2012 gibt es noch nicht. Laut TK-Sprecherin Heike Weinert bilden Alkohol-Erkrankungen – in allen Altersgruppen – landesweit die Nummer zwei bei den Klinik-Einweisungen.

Brandenburgs Suchtbeauftragte Ines Weigelt-Boock hält dennoch nichts vom Vorschlag, Eltern zur Kasse zu bitten. Das Land favorisiere die Aufklärung. So finanziert das Gesundheitsministerium in Clubs und Schulen einen Workshop zum Trinken („Lieber schlau als blau“). Jugendliche können dort unter Anleitung trinken, um die Tücken des Rauschs kennenzulernen. Weigelt-Boock glaubt an den Erfolg der Aktion. Viele Teilnehmer trinken danach weniger, sagt sie.

Unionsgesundheitsexperte Spahn kann auch bei Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) kaum auf Unterstützung hoffen. „Strafen sind nicht unser Weg“, so ein Sprecher. Im Übrigen befinde sich im Sozialgesetzbuch schon jetzt eine Klausel, wonach Kassen Versicherte, die sich schädigen, an den Behandlungskosten beteiligen können. Aus Sicht der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP), berge eine Kostenbeteiligung das Risiko, dass Kinder und Jugendliche abgehalten werden, sich im Falle einer Alkoholvergiftung in ärztliche Behandlung zu begeben.

Spahn hält dagegen, dass allein Rettungswagen und Notarzt einige Hundert Euro kosten und die eigentliche Behandlung 2000 bis 3000 Euro.

Die Gesundheitspolitikerin der Grünen im Brandenburger Landtag, Ursula Nonnemacher, wirft Spahn vor, mit „ordnungspolitischen Rabiatmaßnahmen“ Aufmerksamkeit erringen zu wollen. „Natürlich dürfen Eltern ihre Verantwortung nicht an der Wartezimmertür abgeben, aber ich halte nichts davon, Schuldfragen in die Gesundheitsversorgung einzubeziehen“, sagt Nonnemacher, die selbst Ärztin ist. Dann müssten auch Patienten zusätzlich zahlen, die übergewichtig sind oder gefährliche Sportarten betreiben. Ähnlich argumentiert die Gesundheitsexpertin der Linken, Birgit Wöllert. Es führe in die Irre, wenn im Zusammenhang mit medizinischer Behandlung Sanktionen verhängt werden.

[Quelle: MAZ/ Volkmar Krause]
aktualisiert von Bjoern Lakenmacher, 15.02.2013, 10:18 Uhr