Kein Notruf unter dieser Nummer

10.10.2013, 08:40 Uhr | http://www.berliner-zeitung.de/brandenburg/110-in-brandenburg-ueberlastet-kein-notruf-unter-dieser-nummer,10809312,24575178.html

Stellen Sie sich vor es ist ein Notfall und keiner geht ran: So ging es im vergangenen Jahr knapp 60.000 Anrufern in Brandenburg, die den Polizei-Notruf gewählt hatten. Und auch das Warten auf die Polizisten dauert immer länger.

Genau 58 702 Menschen haben im vergangenen Jahr in Brandenburg den Polizeinotruf 110 nicht erreicht. Das geht aus einer Antwort des Potsdamer Innenministeriums auf eine Kleine Anfrage der CDU-Fraktion hervor. „Aus der Antwort ist auch zu entnehmen, dass jeder vierte Anrufer mehr als 30 Sekunden warten musste, bis er einen Gesprächspartner hatte“, sagte der innenpolitische Sprecher der Fraktion, Björn Lakenmacher, am Mittwoch.

Die Zahlen seien ein Skandal. Der Notruf werde schließlich von Leuten angerufen, die, wie der Name schon sage, in Not seien. „Die 110 ist kein Infotelefon mit Warteschlange. Die muss immer erreichbar sein, und zwar schnell“, sagte der Oppositionspolitiker.

Lakenmacher selbst hatte die Anfrage gestellt. „Die CDU hat im ersten Halbjahr im Land eine Reihe von Veranstaltungen zum Thema innere Sicherheit organisiert. Dabei haben uns Bürger sehr oft erzählt, dass sie die Notrufnummer 110 nicht erreichen konnten oder es zu lange gedauert hat, bis sich jemand gemeldet hat“, erklärt der 38-Jährige. Lakenmacher ist sich sicher, dass die erschreckenden Zahlen der Polizeireform und dem damit einhergehenden Personalabbau geschuldet sind. Nach Angaben des Innenministeriums nehmen in den Leitstellen in Potsdam und Frankfurt (Oder) 15 Bedienstete Notrufe entgegen. „Viel zu wenig bei einer Bevölkerung von 2,4 Millionen Menschen“, erklärte Lakenmacher.

Im vorigen Jahr gingen 437 660 Notrufe bei der Polizei ein, das sind 21 416 mehr als 2011. Durchschnittlich 13 Sekunden musste ein Anrufer warten, bis er seine Sorgen loswerden konnte. Zum Vergleich: Anrufer des Feuerwehrnotrufs 112 mussten sich mit sechs Sekunden nicht einmal halb so lange gedulden. Und das, obwohl die Zahl der Notrufe seit 2010 um mehr als 62 600 auf 576 297 gestiegen ist. Die Annahme dieser Notrufe erfolgt über die fünf Regionalleitstellen im Land, die sich in kommunaler Trägerschaft befinden. „Sie haben wesentlich mehr Personal an den Telefonen zu sitzen als die Polizei“, sagte Lakenmacher. Das müsse dringend geändert werden.

Für das SPD-geführte Innenministerium ist die Darstellung der CDU-Fraktion irreführend. Zwar stimmten die Zahlen. „Doch einen Sockel von Anrufen, die nicht ankommen, gibt es immer und zwar in jedem Bundesland“, sagte Ingo Decker, der Sprecher des Innenministeriums. So habe es 2009, also zwei Jahre vor dem Beginn der Polizeistrukturreform, sogar 72 000 solcher Anrufversuche gegeben. „Die meisten davon legen selbst auf.“

Etwa ein Drittel der Notrufbenutzer habe das Telefonat nach weniger als fünf Sekunden abgebrochen. „Weil sie es sich anders überlegt haben, weil sie irrtümlich auf die Notruftaste des Handys gekommen sind, weil sie ins Funkloch fuhren. Es gibt die verschiedensten Gründe“, so Decker. Das habe nichts mit der Polizeireform zu tun. Zudem bezeichnete er die durchschnittliche Wartezeit am Telefon von 13 Sekunden als durchaus in Ordnung. Er gestand aber ein, dass es auch Fälle gegeben habe, bei denen Menschen in Not nicht durchgekommen seien. „Dem gehen wir entschieden nach.“

Nach Angaben von Andreas Schuster, dem Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), müsse man zunächst hinterfragen, warum diese knapp 60 000 Menschen nicht durchgekommen sind bei der 110. „Haben wir zu wenig Personal, müssen wir das ändern“, sagte Schuster. Denn wenn jemand in Not die 110 wähle, dann müsse ihm geholfen werden. Schuster hält es auch für sinnvoll, sich einmal mit den Leuten von den Regionalleitstellen auszutauschen, bei denen die Anrufer wesentlich kürzer warten müssten.

Ein „echtes Problem“ sieht der Landeschef der GdP bei den sogenannten Einsatz-Reaktionszeiten, also der Zeit nach dem Notruf. Nach Angaben des CDU-Abgeordneten Lakenmacher musste man im vergangenen Jahr rund zweieinhalb Minuten länger als 2011 auf einen Streifenwagen warten, nämlich 26 Minuten und 47 Sekunden. „Das hängt wirklich mit der Polizeireform zusammen“, sagte Schuster. Bei einem Wildunfall, der nicht die höchste Priorität habe, könne es schon mal sein, das man eineinhalb bis zwei Stunden warten müsse.

„Noch vor ein paar Jahren hatten wir 160 Streifenwagen im Einsatz. Jetzt sind es nur noch 110 bis 115. Bei einem Flächenland ist das zu wenig“, erklärte der GdP-Landeschef. Sein Fazit: die Brandenburger Polizei benötige dringend Personal. Mindestens 300 Beamte mehr im Jahr. „Mehr kann unsere Fachhochschule nicht leisten“, so Schuster. Geht die Landesregierung davon aus, die Zahl der Polizisten bis 2020 von 8 900 auf 7 000 zu senken, so fordert die GdP dann einen Personalschlüssel von 8 000 plus.

aktualisiert von Bjoern Lakenmacher, 10.10.2013, 08:43 Uhr