Rockerkrieg weitet sich nach Brandenburg aus

10.01.2012, 08:06 Uhr | Berliner Morgenpost/ Michael Behrendt

Die Rocker-Gruppierung Hells Angels provoziert ihren Kontrahenten Gremium MC: Es geht in Brandeburg um die Vorherrschaft im Drogengeschäft und bei der Prostitution.
„Zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Der Ermittler weiß, dass das zynisch klingt, aber so war es offenbar. Der 15-Jährige, der in der Nacht zu Silvester in Königs Wusterhausen von Unbekannten niedergestochen worden war, gehörte keinem Rockerclub an. Und ganz sicher hat er sich auch nicht mit der knapp 30-köpfigen Personengruppe angelegt, aus der heraus er geschlagen und niedergestochen und anschließend durch die schweren Scheiben des Kinos an der Bahnhofstraße geprügelt worden war. Er hatte bei einem Freund in seinen 16. Geburtstag hineingefeiert und dessen Wohnung gerade verlassen, als er zum Opfer wurde. Der Jugendliche schwebte zeitweilig in Lebensgefahr, musste operiert werden, leidet unter Angstzuständen.

Die Täter sind laut Polizei vermutlich Rocker der Bruderschaft Gremium MC. Bereits am ersten Weihnachtsfeiertag hatte es einen vergleichbaren Fall in Königs Wusterhausen gegeben. Auch damals war ein Mann niedergestochen worden. Offiziell wollen die Behörden in Brandenburg keinen Zusammenhang zwischen den Taten herstellen, nach Informationen von Morgenpost Online allerdings handelt es sich beim Opfer vom Weihnachtstag um ein Führungsmitglied der Gremium-Rocker aus Schwedt. „Der 15-Jährige wurde versehentlich Opfer eines geplanten Racheakts, die genauen Umstände sind unklar“, so ein Beamter. „Und Königs Wusterhausen könnte sehr bald Schauplatz des härter werdenden Kriegs zwischen Gremium und den Hells Angels werden.“

Kampf um Macht

Der weltweit zu den größten Rockerclubs gehörende Gremium MC hatte Brandenburg in der Vergangenheit fest im Griff. In Städten wie Schwedt, Eisenhüttenstadt und Frankfurt (Oder) liefen die Geschäfte, mit der Konkurrenz aus den westlichen Großstädten hatte man nicht viel zu tun. Das ändert sich nun. „Die Hells Angels drängen in diese Städte, und wie bei den Fehden mit den verfeindeten Bandidos in Berlin geht es auch hier um Macht im Geschäftsleben“, so ein szenekundiger Polizeiführer aus Berlin. Das bedeute, es geht um das Rotlichtmilieu, Menschen- und vor allem Drogenhandel. Ferner sei auch in Brandenburg der Kampf um die Türen der Diskotheken spürbar. Die Hells Angels könnten es sich personell leisten, an mehreren Fronten zu kämpfen. „Nun legen sie sich auch intensiv mit Gremium an, und diese wollen sich ihren Platz aber nicht streitig machen lassen.“

Die Gremium-Männer würden sich nach außen hin zwar als Rocker verkaufen, nach Erkenntnissen der Polizei haben allerdings höchstens 20 Prozent der etwa 80 in Brandenburg Aktiven überhaupt einen Motorradführerschein. Vielmehr würden „diese Herrschaften optisch einer Bande von Hooligans“ gleichen, wenn man die schwarzen Lederkutten wegließe. Nach Erkenntnissen der Hauptstadtpolizei haben die Hells Angels es sich zur Aufgabe gemacht, in Brandenburg Flagge zu zeigen. Nach Aussagen eines Ermittlers hätten sie bereits „szenekundiges Personal“ – drei ehemalige Gremium-Rocker haben die Seiten gewechselt und tragen nun die rot-weißen Farben der Hells Angels. Es soll sich bei ihnen um den ehemalige Boxer Rene H., um Rene M. sowie Rene B. handeln. Die Berliner Observationseinheiten der Polizei registrierten in der Vergangenheit zudem vermehrt „Ausfahrten“ der Hells Angels Nomads nach Brandenburg. Innerhalb der Szene gilt dies als Provokation.

Für die 34.000 Einwohner zählende Stadt Königs Wusterhausen südöstlich von Berlin gehörten Probleme dieser Art bislang nicht zum Alltag. Nun allerdings ist bei den Sicherheitsbehörden bekannt, dass Gremium MC zumindest auf der Suche nach Räumlichkeiten für ein Lokal in der Stadt ist. Zwar hätten alle Besitzer bislang abgelehnt, es sei aber nur eine Frage der Zeit, bis das Angebot von einem Geschäftsmann angenommen wird. „Diese Kneipe wird im Fadenkreuz der Hells Angels stehen, Gewaltattacken werden sich häufen“, so ein Kriminalbeamter.

Die zuständigen Stellen in Königs Wusterhausen hatten nach der fast tödlichen Attacke auf den Jugendlichen angekündigt, die Sicherheitsmaßnahmen zu verstärken. Dazu werde es Gespräche mit dem Bürgermeister und dem Ordnungsamt geben, kündigte in der vergangenen Woche eine Sprecherin der Polizeidirektion Süd in Cottbus an. Das bestätigt Jörn Perlick, Vizebürgermeister in Königs Wusterhausen.

Nach Informationen von Morgenpost Online sieht das bisherige Polizeikonzept lediglich vor, die Streifentätigkeit zu intensivieren. Bei der Hauptstadtpolizei löst dies Kopfschütteln aus – völlig unzureichend, so sagen Zivilfahnder. In Berlin, das wüssten die Rocker aller Vereine, riefe ein Übergriff auf einen Polizisten oder ein bewaffneter Zwischenfall bereits das Spezialeinsatzkommando (SEK) auf den Plan. Wenn sich die Polizei nicht von Anfang an als starker und unberechenbarer Gegner präsentiere, habe sie den Kampf verloren. Man wolle keine Kollegenschelte betreiben, wenn es aber derart handfeste Beweise auf eine Täterschaft der Gremium-Rocker gebe, sei es dringend notwendig, wenig später mit einem Großaufgebot anzurücken und alle bekannten Clubhäuser zu durchsuchen. „Diese Menschen fühlen sich zu sicher, das ist gefährlich.“

Viele Menschen in Königs Wusterhausen haben bereits Angst. Als kürzlich eine Premiere in dem Kino an der Bahnhofstraße anstand, vor dessen Eingang der 15-Jährige beinahe getötet worden war, gab es Anrufe bei der Polizei, in denen sich Eltern nach der Sicherheit erkundigten. Zudem müssen die Mieter des Wohnhauses an der Bahnhofstraße, in dem der 15-Jährige zuvor gefeiert hatte, ihre Schlösser auswechseln, weil die Täter dem Opfer neben seinen persönlichen Dingen noch den Schlüsselbund des Freundes geraubt hatten. An ihm befand sich ein Generalschlüssel.

Der innenpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Björn Lakenmacher, mahnte an, dass es keine rechtsfreien Räume geben dürfe. „Die Gewaltexzesse sind erschütternd und müssen sehr ernst genommen werden.“Die aktuellen Vorfälle zeigten, dass der „massive Personalabbau im Zuge der Polizeireform der falsche Weg sei. „Und auch Präsenz allein reicht nicht aus, die Strukturen müssen ermittelt und aufgedeckt werden.“

(Berliner Morgenpost/

aktualisiert von Bjoern Lakenmacher, 11.01.2012, 08:08 Uhr